Der Wagen ist wieder leer

Die kleine Terrasse ist wieder abgebaut. Nackt wartet unser Heim auf seine Überführung. Mit dem Traktor vom Wunderland ziehen wir unseren Wagen über die matschige Einfahrt und durch das schmale Tor auf die öffentliche Straße. Hier warten wir die Nacht ab, parken vor der Halle der Schausteller.

Wir sind unglaublich aufgeregt und versuchen noch ein paar Stunden im Wagen zu Schlaf zu kommen. Immer wieder stehen unsere neuen Nachbarn mit Gästen in ihrem Vorgarten.: „Nanu, da steht ja ein Haus. Das war aber vorhin noch nicht da. Schöne Fenster. Hat ne zwansch hinten dran…“

5 Uhr. Der Wecker klingelt. Wir sammeln uns nochmal um eine warme Tasse Tee, hängen unsere Wohnung an den Radlader und die Fahrt beginnt. So wie ein Schlepper auf einem Kanal gemütlich entlang gleitet, schlängeln wir uns gemächlich die Landschaft entlang. An den Windmühlen vorbei auf der leeren Straße verlassen wir Wachau in Schrittgeschwindigkeit. Beschützt von drei Begleitfahrzeugen tuckerten wir in zwei Stunden 20 Kilometer durch den ruhigen Sonntag Morgen und erreichen schließlich unseren neuen Wohnort.

Ein paar Stunden später waren alle Kisten wieder ausgepackt und jedes Ding an seinem angestammten Platz. Alles sieht genau so aus wie vorher, doch wenn ich aus dem Fenster schaue, dann sehe ich einen kleinen Bach am Waldrand, grasende Pferde und eine alte Mühle im Dornröschenschlaf.

Diese Überführung wäre undenkbar gewesen ohne die Unterstützung von den großartigsten Freunden, die man sich vorstellen kann. La Crème de la Crème de Solidarité. Wir danken euch von Herzen für dieses Wunder.

So lernt der Teppich wirklich fliegen.

Ein langer Winter liegt nun hinter uns. 7 Wochen lang waren alle Strapazen vergessen und unter einer geschlossenen Schneedecke versteckt. Nun ist die weiße Pracht getaut und zum Vorschein kommt eine große Überraschung.

Wir werden Wachau verlassen.

Jetzt, nach ein paar Monaten Ruhe; Ruhe um den ganz normalen Alltag wiederzufinden, um zu arbeiten, jetzt steht schon die nächste Herausforderung an. Der Teppich, den wir gebaut haben, muss fliegen lernen. Da haben wir uns ganz schön was vorgenommen. Es stellt sich die Frage ob wir die 20 km Fahrstrecke wirklich in einem Stück bewältigen können. Jede Neigung auf der Straße kann den 4,10m hohen Hänger in eine ernstzunehmende Schieflage bringen. Darum untersuchen wir die Strecke, lernen ihre engen Kurven kennen, ihre Bodenwellen und schrägen Neigungen.

Die wichtigste Frage lautet daher:

Wer traut es sich zu, für uns diesen Transport in einem Stück zu fahren?

“Ich lese immer: “In einem Stück, in einem Stück” wie sollte er denn sonst transportiert werden?…
Ach du heilige …- ihr wollt den doch nicht wieder auseinander bauen oder?” – Wer spricht da überhaupt?

In jedem Fall ist es schade, dass wir nicht hier bleiben können. Der Wunderland e.V. hat uns mit einzigartigen Menschen bekannt gemacht, die wir als Nachbarn sehr vermissen werden. Gleichzeitig wird dieser Ort so zur Startrampe in ein gemeinschaftliches Zusammenleben, wie wir es uns wirklich vorstellen. Vor uns, am Horizont, taucht plötzlich eine sehr verlockende Insel auf. Kurs setzen!

Das Abenteuer hat gerade erst begonnen.

Bild: KUNG

Nachdem wir das Untergestell (400€) aufgearbeitet hatten änderten wir unsere Pläne das erste Mal. Statt, wie geplant im dresdner Garten zu bauen, schleppten wir das Untergestell nach Wachau. Hier hatten wir nicht nur einen Bauplatz gefunden, sondern auch den Ort, an dem wir uns vorstellen konnten, längere Zeit zu wohnen. Hier hatten wir Strom und eine Werkstatt zur Verfügung und konnten in einem kleinen Wagen während der Bauzeit unterkommen. Das Leben auf dem Land begann ganz nebenbei. Simme fahren, Auto fahren, Eier aus dem Stall des Nachbarn, frische Milch vom Bauern um die Ecke und ins Freibad (2€ Tageskarte) gehen um sich nach der Arbeit frisch zu machen.

Wir wussten zwar noch nicht genau wie, doch wir würden in den kommenden 5 Monaten ein Haus auf Rädern bauen. Das Fundament war nun unsere erste Aufgabe. Das gesamte Gewicht würde später auf den Außenkanten liegen, die über das tragende Gestell hinaus ragen. Die geschlossene Bodenplatte (900€) aus Siebdruckplatten verschraubten wir mit dem Anhänger. Darauf legten wir quer, 6cm  starke Balken. Der umlaufende Rahmen liegt eingefasst auf diesen Balken. Es war das erste Mal, dass wir mit Beitel und Hammer Überblattungen zurichteten. Mit der Zeit wurden wir immer genauer und freier in der Arbeit mit dem Holz.

Danach arbeiteten wir Stück für Stück die 6cm starken Ständerbalken zu und leimten zusammenhängende Rahmen. Diese stellten wir nacheinander auf. Eine ausreichende Stabilität erreichten wir erst, als der umlaufende Rähmen in 3,70m Höhe geschlossen war. Das gesamte Ständerwerk (1000€) schwankte dann nur leicht als wir mit dem Dach begonnen. Hier verlegten wir 25mm starke OSB-Platten. Auf diese Platten nagelten wir eine dünne Schicht Dachpappe, zusammen mit den umlaufenden Blechen. Darauf schweißten wir dicke Bahnen Dachpappe und das ist wirklich eine Kunst, soviel haben wir gelernt.

Mit einer monströsen Plane schützten wir die Bauzeit über unser unfertiges Werk gegen Regen. Diese Plane jeden Abend auf das Gestell zu ziehen war so nervig, dass wir oft über das Wetter philosophierten um den Regen ab zu bestellen. Dann sprangen wir plötzlich eines Nachts nackt aus dem Bett, um im strömenden Regen die Plane doch auf zu spannen. Seit dem deckten wir den Wagen wirklich jeden Abend zu – wie lästig!  Und darum freuten wir uns  noch mehr als das Dach (1500€) fertig war.

Nun war es an der Zeit die Fenster (350€) aus einer alten Forschungsanstalt in das Ständerwerk zu setzen. Nach einigen Überlegungen entschieden wir uns schließlich einen Bandschleifer zu besorgen und sie doch ab zu schleifen. Die zwei Wochen Arbeit haben sich am Ende gelohnt. Mit alten Griffen vom Flohmarkt geben sie dem Raum ein wunderbares Licht.

Die Wände verkleideten wir als erstes mit DWD-Holzfaserplatten. Sie geben der Konstruktion mehr Steifigkeit und bilden unseren Windschutz. Mit dieser Variante bauten wir einen diffusionsoffenen Raum. Das teure Dachdeckerklebeband lernten wir hier sehr zu schätzen. Es half uns beim Abdichten sämtlicher Ritzen um Zugluft zu vermeiden. Außen schraubten wir an die Platten senkrecht 2cm starke Dachleisten. Sie sorgen für die Hinterlüftung der Verkleidung mit Panelen. So kann Luft hinter der Wand zirkulieren und überflüssige Feuchtigkeit abtransportiert werden. Dieser Fassadenaufbau (2100€) mit Fichtenholz ist für uns die günstigste Variante gewesen.

Wir verzichteten komplett auf Klimafolien da die Stopfhanfdämmung (1000€) aus der Uckermark mit Feuchtigkeit gut umgehen kann. Das Stopfen war eine sehr einfache Sache. Zum Schluss hatten wir jedoch noch einige Pakete übrig, was bedeutet, dass wir wahrscheinlich nicht dicht genug gestopft haben. Der Innenausbau (1100€) war ein unerwartet hoher Kraftakt. Von außen betrachtet stand dieses Schiff nun schon so prachtvoll vor uns, doch wir hatten nur eine neue Innen-Baustelle gebaut und es wurde kälter. Der Sommer war vorbei und der psychologische Tiefpunkt, an dem wir uns nur schleppend motivieren konnten hatte uns voll erwischt. Spontan beschlossen wir eine Tür ein zu bauen. Der geschlossene Raum war schon mal eine Errungenschaft.

Mit Nut-Feder-Panelen verbretterten wir die hanfgedämmten Wände, installierten die Elektrik mit FI Schutz. Die Abschlüsse an Fenstern und Balken vernagelten wir mit schlichten Zierleisten. Mit Biegesperrholz erzeugten wir einen angenehm runden Raumeindruck. Schließlich frästen wir in die Dielen aus der alten Wohnung in der Louisenstraße 15 Stufen an den Längsseiten um sie beim Verlegen zu überlappen. Dadurch wollen wir das Eindringen von Flüssigkeiten in den geschlossenen Boden verhindern. Abschleifen, Streichen und so schnell konnten wir dann gar nicht gucken wie der Wagen von seinem Bauplatz 10m weiter an seinen Bestimmungsort gezogen wurde.

Der Ofen ist das zentrale Element im Wagen und das brennende Feuer durch eine Glasscheibe sehen zu können, ist im Vergleich zur alten Wohnung schon eine Steigerung des Komforts, auch wenn wir erstmal auf fließendes Wasser verzichten müssen. Der Ofen kam also wieder aus dem Baumarkt.

Die gesamten Kosten, mit Reparaturen, Anschaffung von Werkzeug und sonstigen Zeug (1500€) und Kosten für Transporte (500€) belaufen sich auf gerundete 10.000€ für unser Haus auf Rädern, indem wir nun hier im Winter vor dem Ofen sitzen und die Reste vom Bauholz verbrennen und der Wagen wankt im Wind wie ein Schiff auf hoher See.

„Hier bin ich!“ …

… sagt mir das Untergestell, wenn ich in seine Nähe komme. Fast bekomme ich eine Gänsehaut bei diesem Satz. In diesem Metall und in den Lackschichten stecken unsere kreative Arbeit unsere Ideen, der Spaß unserer Freunde und noch so viel unsichtbare Träume. Diese Kraft ist zu spüren und sie strahlt weiter. Wie eine synergetische Beziehung zwischen der scheinbar toten Materie, einem alten Fahrwerk und mir, einem lebendigen Organismus.

 

DDR-Fortschritt wie neu

D

er Männertag, was ist das gleich nochmal? Scharen von Männern ziehen betrunken auf ihren Fahrrädern umher und feiern ihr Mannsein? Das geht doch auch anders, dachten wir und luden Männer und Frauen gleichermaßen zur Abschleif-Kollektiv-Performance ein. So kamen viele tolle Menschen zu uns in den Garten gepilgert.

Rost frei! …und Spaß dabei.

Da alle Anwesenden von Metall und dem Korrosionsprodukt, das aus Eisen durch Oxidation mit Sauerstoff entsteht, eine andere Ahnung hatten, wurde heiß darüber diskutiert, welche die günstigste Herangehensweise sei.

Sollten wir oberflächlichen Rost dran lassen, da Rost eine Schutzschicht sein könnte? Oder doch lieber alles gründlich abschleifen? Schleifen wir mit Drahtbürsten und Sandpapier oder doch ohrenbetäubend, mit der Kraft der Maschinen? Benutzen wir die Magie von Rostumwandler oder ist diesem schwarzen Zauber nicht zu trauen und wir grundieren und lackieren doch lieber fachmännisch?

Dem Männertag würden komplizierte Fachsimpeleien und das Brüllen der Maschinen sicher einen angemessenen Schliff geben. Doch wir ließen es entspannt angehen und wollten unsere eigene Kraft einsetzen. Wir schliffen erst den Rost mit Drahtbürsten ab – alles, egal ob Flugrost, Lochrost, wenig Rost, viel Rost, Rostrost. Dann gingen wir noch einmal mit Sandpapier über raue Flächen und Kanten.

Das Alter des Materials und seine Stärke wurde für uns dadurch spürbar. Dies war der erste Schritt der Verwandlung des 40 Jahre alten DDR-Fortschritt-Anhängers in unser neues Zuhause.

Vielen Dank an die fleißigen Helfer und Ratgeber!

 

Es kommt ins Rollen

Wie bekommt man ein 8 Meter Stahl-Monstrum von einem 20 km weit entfernten Berg in einen kleinen Garten mitten in der Stadt?

Das Grobe erledigt Micha für uns und auf einmal steht das Teil wirklich mitten auf der Straße vor der Garteneinfahrt, rostig und viel zu groß, um an dem Umzugslaster des Nachbarhauses vorbeizukommen. Michas Lebensweisheit „Es kommt eben immer anders als man denkt“ trifft mal wieder voll ins Schwarze.

Micha fährt noch mal ne Runde um den Block, die Umzugslaster lösen sich in Luft auf und wie durch ein Wunder finden sich die ersten helfenden Hände ein, die unsere Wohnbasis in den Garten manövrieren.

Dank an Euch – Micha, Flo, Fannery, Erik, Björn und Matthias!

 

Bei den Profis

Drei Monate lang sind wir nun schon auf Recherche, sprechen mit Aussteigerprofis und Alltagsforschern. Sie berichten aus ihrer Erfahrung. Wie schafft man es im Winter nicht zu erfrieren? Welche Wurzeln sind essbar? …und was kann man alles aus Kacke machen?

Heute besuchen wir Marko und Uwe, die in ihrer Werkstatt Feldenkraisliegen bauen. Sie zeigen uns wie aus unseren losen Gedanken echte Wohnqualität werden kann.

Unser Dank gebührt den Storchenliegen